Intermezzo

Ich muss hier raus. Was war nur mit mir los? Warum habe ich das gesagt? Ich muss wahnsinnig gewesen sein.

Ich schnappe mir meine Jacke, lasse Stefan stehen und gehe raus, raus auf die Straße. Gegenüber vom Hotel geht die Fußgängerzone los. Ich brauche frische Luft. Ein Tarzanschrei. Es ist mir egal. Um diese Zeit ist ohnehin kaum jemand auf der Straße. Für die Stubenhocker ist es zu spät und für die Nachtschwärmer zu früh.

„Constanze, warte.“, höre ich Stefan hinter mir rufen. Ich drehe mich nicht um. Laufe einfach weiter. Keine Ahnung, wohin.

„Constanze, …“. Stefan hat mich eingeholt. Er keucht. Ich beschleunige. Die Gedanken überstürzen sich. Abrupt bleibe ich stehen, so dass Stefan auf einmal drei Meter weiter ist.

„Hast Du eine Ahnung, was Du mir da gerade an den Kopf geknallt hast?“, kreische ich hysterisch.

„Und selbst?“

Zu allem Unglück verschwimmt alles vor meinen Augen. Nicht auch noch heulen. Das brauche ich jetzt nicht auch noch. Und kann es doch nicht unterdrücken. Stefan steht neben mir, ich lehne mich an ihn und drücke mein Gesicht in seine Schulter und schluchze.

Vorsichtig, so als wolle er auf keinen Fall was falsch machen, umarmt mich Stefan ganz langsam. Seine Hand drückt meinen Kopf an seine Schulter.

Plötzlich kommt mir alles absurd vor. Ich fange an zu grinsen, hysterisch zu lachen.

„Warum?“, frage ich ihn.

„Warum was?“

„Warum hast Du Dich ausgerechnet in eine Kollegin verliebt, die auf ihrer ersten Dienstreise mit Dir … zwar nicht ins Bett, aber in den Whirlpool der Hotelsauna gehüpft ist?“

„Liebe ist nicht rational. Wer kann schon beeinflussen, in wen er sich verliebt?“

„Sag mir, dass es nicht stimmt. Sag mir, dass es nicht an mir liegt, dass Du Deine Frau verlassen hast.“

„Es ist nicht Deine Schuld, wenn Du das meinst. Aber meine Frau und ich haben uns auseinander gelebt. Und das hängt dann natürlich schon mit meiner Flucht vor Dir zusammen. Und ich wäre Dir auch weiter so gut es geht, aus dem Weg gegangen, wenn Du nicht gesagt hättest, dass ich der Vater Deines Sohnes bin.“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Das war auch nicht nötig, ich habe es auch so verstanden. Komm, lass uns zurück ins Hotel gehen und dort weiter reden.“

Er nahm meinen Arm und wir gingen wie ein Liebespaar zum Hotel zurück. In meinem Kopf ratterten die Gedanken.

„Warum hast Du Dich nie gemeldet?“, frage ich ihn.

„Wie gesagt, ich wollte Dich vergessen.“

„Wenn Du mal in der Firma warst, in all den Jahren. Alle haben gesagt, sie hätten Dich gesehen, mit Dir geredet. Nur ich hab Dich nicht mal von der Ferne zu Gesicht bekommen …“

„Ja.“ Stefan antwortet kurz angebunden.

„… und Du hast unseren Weihnachtsrundbrief bekommen. Jahrelang. Nie kam auch nur eine Reaktion darauf.“

„Das tut mir leid, ich hätte darauf reagieren sollen.“

„Es war jedes Mal ein Bild von meinem Mann, meinem Sohn und mir dabei.“

„Das habe ich gesehen.“

„Es hat mich verletzt, dass Du mich so ignoriert hast.“

„Das tut mir leid, das wollte ich nicht.“

Eigentlich wollte ich schon wieder explodieren. Dauernd wollte er etwas nicht, tat es ihm leid. Aber ich schwieg. Schweigend erreichten wir das Hotel.

„Warte bitte einen Moment, bin gleich wieder da.“, bat Stefan.

Er ging an die Bar, redete mit dem Barkeeper und kam mit einer Flasche Wein in der Hand zurück.

„Ich bringe Dich noch zu Deinem Zimmer.“, eröffnete Stefan mir. „Wenn Du magst, können wir dann noch ein Versöhnungsschlückchen trinken.“

Hast du jemals eine Frau wirklich geliebt?

„Was willst Du damit sagen?“, fragt er.

„Nichts“, gibt sie zurück, „nur, dass es so Momente gibt, an die man sich noch gut erinnern kann, die man nie vergisst. Deshalb weiß ich es noch.“

„Wenn ich richtig rechne, dann war das 2001. Jeder weiß, dass 2001 9/11 war. DAS wäre plausibel, wenngleich 9/11 erst im September war. Dein Sohn ist aber erst im Folgejahr geboren worden. Wenn da eine Verbindung zu unserem Lehrgang besteht, dann kann das für mich nur eins bedeuten.“

„Und was?“

Sie war damals schon eine Ewigkeit verheiratet. Fast 10 Jahre. Und hatte noch kein Kind. War da nicht was? Hieß es nicht, dass sie keine Kinder bekommen könnte? Oder er?

„Es war damals sicherlich überraschend, dass Du schwanger wurdest.“

Autsch! War das jetzt zu direkt? Aber er brauchte Gewissheit.

„Ja, das stimmt, wir hatten den Kinderwunsch schon aufgegeben. Und?“

„Nun, genau das. Zehn Jahre klappt nichts und dann sind WIR nur einmal kurz zusammen, Du und ich, …, oder wie willst Du das erklären?“

„Da gibt es nicht viel zu erklären. Wir wurden untersucht. Der Grund, warum es nicht geklappt hat, lag eindeutig bei mir. Es gab sogar mehrere Gründe und am Ende war es auch deshalb eine Risikoschwangerschaft. Nach meiner Theorie sind dann aber zwei Dinge passiert, dass es doch noch geklappt hat.“

„Du hast mich getroffen und wir waren in Davos“, geht ihm spontan durch den Kopf.

„Wir haben unsere Ernährung konsequent auf Vollwertkost umgestellt und ich bekam von meiner Frauenärztin diese Hormonbehandlung gegen meine Regelbeschwerden.“, erläuterte sie. „Außerdem weiß ich nicht, was Dich das eigentlich angeht.“

„So ein esoterischer Blödsinn. Das geht mich sogar sehr viel an. Sag mir endlich die Wahrheit. Wenn ich der Vater bin, dann habe ich ein Recht darauf, das zu wissen.“, erwidert er ärgerlich.

„Und wenn es so wäre, was dann?“

„Dann wäre es an der Zeit, dass wir das auch legitimieren.“

„Mein Sohn hat einen Vater, der sich fünfzehn Jahre um ihn gekümmert hat. Er braucht keinen neuen Vater. Und ich bin glücklich mit diesem Vater verheiratet.“

„Und was ist mit der Liebe? Das klingt nach Zweckgemeinschaft.“

„Und mit Dir wäre es Liebe?“

„Ja“, antwortet er.
Und nach kurzem Zögern sprudelt das Geständnis aus ihm heraus: „Ja, mit mir wäre es Liebe. Mit mir ist es Liebe. Ich liebe Dich. Ich liebe Dich seit 16 Jahren. Ich habe versucht, dieser Liebe aus dem Weg zu gehen, habe mir neue Jobs gesucht und diese wieder aufgegeben, habe inzwischen sogar meine eigene Familie aufgegeben. Alles, weil ich nur Dich will.“

Doch sie ist unerreichbar. Bisher. Ein gemeinsames Kind ändert aber alles. Jetzt lohnt es sich wieder, zu kämpfen.

Stefan

Das kann doch nicht wahr sein!

Heute hatte ich wirklich ein Wechselbad der Gefühle hinter mir. Erst dieser anstrengende Sitzungsmarathon und dann auch noch Volker an der Backe. Eigentlich hatte ich Volker ganz anders eingeschätzt. Kompetent, freundlich, everyones darling. Genau der Richtige, um meine Nachfolge in der Leitung der Gruppe zu übernehmen.

Später wurden mir andere Dinge berichtet. Volker stellte sich als richtig fiese Gestalt heraus, jedenfalls für seine Mitarbeiter. Freundlich grinsend rammt er ihnen das Messer in den Rücken. Hätte ich das eher gewusst. Ja, was wäre dann eigentlich gewesen? Ich hätte trotzdem diesen neuen Job angenommen. Die haben es ja überlebt und eine Alternative gab es nicht wirklich. Alternativlos! Alternativlos? Hm, egal.

Jetzt knabbert Volker mir schon den ganzen Abend ein Ohr ab, raspelt Süßholz und nervt.

Ist das Schicksal? Träume ich? Kann das sein? Constanze hier im Hotel? Was macht die denn hier?

„Ach, ich habe Euch gar nicht gesehen. Was macht Ihr denn hier?“, lügt sie, ohne rot zu werden, als wir sie rufen. Sie sieht erschöpft aus.

Sie ist der wahre Grund, warum ich damals weggegangen bin. Nicht etwa der Wunsch, möglichst schnell Karriere zu machen. Damals, in Davos, hatte ich mich endgültig in sie verknallt. Nie konnte ich es ihr sagen, meine Liebe musste heimlich sein. Durch die Distanz wollte ich sie vergessen und meine Ehe retten.

Ja, meine Ehe. Deswegen bin ich zurückgekommen. Erst in eine andere Firma. Ich war viele Jahre dort im Top-Management. Deswegen war ich aber nach wie vor kaum zu Hause. Meine Frau stellte mir ein Ultimatum. Entweder sie oder die Firma.

Meine Tochter interessiert sich schon lange nicht mehr für mich und distanziert sich von mir. Mein Sohn macht auch so langsam Probleme. Ich bin eigentlich ein Familienmensch, habe aber keinen Draht zu meiner eigenen Familie. Nun will ich auf keinen Fall nicht auch noch meine Frau verlieren.

Dann diese Stellenausschreibung. Formell ein Abstieg, finanziell aber absolut ok. Und Abstieg bedeutet auch, mehr Zeit, mehr Zeit für die Familie.

Es ließ sich nicht vermeiden, dass ich Constanze begegnete. Nicht gleich am ersten Tag. Auch hatte ich den Eindruck, dass sie versuchte, mir aus dem Weg zu gehen. Ich rief sie mal an und wollte mit ihr Mittag essen gehen. Ich wollte wissen, wie es ihr geht. Sie hatte schon mit ihren Kollegen gegessen.

Aber ein paar Tage später klappte es. Ich drängte mich auf und ging mit den Leuten aus ihrer Abteilung. Sie saß zwar neben mir, unterhielt sich aber mit anderen. Ich auch. Sie wurde erst hellhörig, als ich erzählte, dass ich zum Tanzen gehe. Beim Kaffee stand sie dann plötzlich neben mir, sie war wie ausgewechselt, freundlich, sympathisch und fragte mich aus. Zum Thema Tanzen. Welche Tanzschule, wie oft, meine Lieblingstänze etc.

Zwei Wochen später erhielt ich eine Mail von ihr, weitergeleitet von Claudia. Die beiden wohnen in der gleichen Stadt und fahren gelegentlich zusammen. Es war eine Anfrage, ob ich nicht mit meiner Frau zu einem Tanzabend mitgehen wolle.

Allerdings hatte meine Frau mich kurz vorher rausgeschmissen. Wir leben jetzt getrennt. Zumindest vorübergehend. Das war aber die Gelegenheit, diese Information unauffällig an Constanze zu übermitteln, ohne großen Tratsch in der Firma hervorzurufen. Ich wusste, dass die beiden Mädels das nicht an die große Glocke hängen würden.

Claudia antwortete nur lakonisch, dass sie eine andere Tanzpartnerin für mich hätte, aber ich ging nicht darauf ein.

Constanze meldete sich nicht, ich hatte dann erst wieder dieser Tage mit ihr zu tun. Ich bat sie, ein 8D-Team zu moderieren. Mein Chef hatte das vorgeschlagen und das wäre die Gelegenheit, wieder enger mit ihr zusammen arbeiten zu können. Dummerweise hat sie kein entsprechendes Zertifikat und hat dementsprechend abgelehnt. Obwohl sie zweifellos eine gute Moderatorin wäre. Sie hat dann umgehend die Aufgabe abgearbeitet, um die ich sie gebeten hatte. Schnell und kompetent.

Und jetzt ist sie hier, im Hotel. Ganz allein. Dummerweise hängt Volker hier noch rum und Constanze macht nicht den Eindruck, als hätte sie Lust auf einen vergnüglichen Abend. Ich habe eine Idee.

Ich nehme ihr wortlos die Jacke ab und führe sie zur Tanzfläche. Etwas Smalltalk und das Eis wird brechen, die Müdigkeit wird verfliegen. So wie damals.

Sie zickt rum, ist wortkarg. Mag sie doch nicht tanzen?  „Komm, lass uns weiter tanzen“, belehrt sie mich eines Besseren.

Welch ein Glück, ich bin scheinbar nicht die Ursache ihrer Verstimmung. Wahrscheinlich war es Volker, der nun offenbar bezahlt und geht. Also noch ein Tänzchen, der Abend ist noch nicht verloren.

Ich nehme den Gesprächsfaden wieder auf.
Peng!
Was war das? Was will sie damit sagen? Sie weiß es, weil ihr Sohn 15 Jahre alt wird?
Ihr Sohn?