Kopfschmerz

Kurz nach sechs wachte ich auf. Mein Kopf hämmerte. Kein Wunder, nach diesem Albtraum.

Mühsam stand ich auf, suchte mit halb geschlossenen Augen in meiner Tasche die Kopfschmerztabletten. Mir war heiß. Ich schleppte mich zum Fenster, öffnete es. Ein Zug kam gerade vorbei und bremste laut quietschend ab. Sofort schloss ich das Fenster wieder.

In dem Verschlag, der sich Bad nennt, schluckte ich zwei der Tabletten und stellte mich unter die Dusche. Erst heiß, dann kalt, mehrmals im Wechsel. Langsam kamen die Lebensgeister zurück.

War das wirklich ein Traum? Oder war es wahr. Was war in der Nacht passiert? Habe ich Stefan getroffen oder nicht?

So gut es bei dem Kopfschmerz ging versuchte ich, in dem Zimmer Spuren des gestrigen Abends, der Nacht zu erkennen. Das Bett war zerwühlt, das Zimmer nicht gerade ordentlich. Aber kein Hinweis auf Stefan. In meiner Erinnerung hatte er eine Flasche Wein und zwei Gläser von der Bar mit auf’s Zimmer gebracht. Wenn wir das Zeug getrunken haben, dann kann es natürlich gut möglich sein, dass er alles wieder mitgenommen hat. Dann kann ich lange suchen.

Und sonst? Haben wir … ? – oh Gott, ich mag gar nicht dran denken. Dieser stechende Schmerz im Kopf. Nicht noch eine Tablette … Im Müll, kein Hinweis.

Halb sieben. Ich gehe zum Frühstück. Hunger habe ich keinen, aber ich brauch‘ Kaffee. Es ist zum Glück noch leer da oben, im Restaurant. Ein großer Pott Kaffee, etwas Obst. Das tut gut. Nach dem dritten Pott scheinen die Tabletten zu wirken.

Halb acht. Der erste meiner Kollegen kommt. Er war joggen. Er ist fit, ihm geht es gut. Ich beneide ihn. Noch einen Kaffee. Wie soll ich nur diesen Tag durchstehen? Habe ich noch Blut in meinem Kaffeekreislauf? Ich werde alle drei Minuten auf’s Klo müssen, wenn ich so weiter Kaffee saufe. Aber egal, besser als einschlafen. Das kann ich dann auf der Rückfahrt, wenn die Kollegen wieder im Tiefflug nach Hause rasen.

Später, im Sitzungsraum trinke ich noch eine kleine Tasse Kaffee. Dann nichts mehr. Ich will, dass alles bis zur Abfahrt am Nachmittag durchgelaufen ist. Irgendwie habe ich den Tag überstanden, noch die eine oder andere kluge Frage gestellt, mich in den Pausen launig unterhalten und die Rückfahrt im Halbschlaf überlebt. Zu Hause bin ich dann ins Bett in einen traumlosen und diesmal dann doch erholsamen Schlaf gefallen.

Intermezzo

Ich muss hier raus. Was war nur mit mir los? Warum habe ich das gesagt? Ich muss wahnsinnig gewesen sein.

Ich schnappe mir meine Jacke, lasse Stefan stehen und gehe raus, raus auf die Straße. Gegenüber vom Hotel geht die Fußgängerzone los. Ich brauche frische Luft. Ein Tarzanschrei. Es ist mir egal. Um diese Zeit ist ohnehin kaum jemand auf der Straße. Für die Stubenhocker ist es zu spät und für die Nachtschwärmer zu früh.

„Constanze, warte.“, höre ich Stefan hinter mir rufen. Ich drehe mich nicht um. Laufe einfach weiter. Keine Ahnung, wohin.

„Constanze, …“. Stefan hat mich eingeholt. Er keucht. Ich beschleunige. Die Gedanken überstürzen sich. Abrupt bleibe ich stehen, so dass Stefan auf einmal drei Meter weiter ist.

„Hast Du eine Ahnung, was Du mir da gerade an den Kopf geknallt hast?“, kreische ich hysterisch.

„Und selbst?“

Zu allem Unglück verschwimmt alles vor meinen Augen. Nicht auch noch heulen. Das brauche ich jetzt nicht auch noch. Und kann es doch nicht unterdrücken. Stefan steht neben mir, ich lehne mich an ihn und drücke mein Gesicht in seine Schulter und schluchze.

Vorsichtig, so als wolle er auf keinen Fall was falsch machen, umarmt mich Stefan ganz langsam. Seine Hand drückt meinen Kopf an seine Schulter.

Plötzlich kommt mir alles absurd vor. Ich fange an zu grinsen, hysterisch zu lachen.

„Warum?“, frage ich ihn.

„Warum was?“

„Warum hast Du Dich ausgerechnet in eine Kollegin verliebt, die auf ihrer ersten Dienstreise mit Dir … zwar nicht ins Bett, aber in den Whirlpool der Hotelsauna gehüpft ist?“

„Liebe ist nicht rational. Wer kann schon beeinflussen, in wen er sich verliebt?“

„Sag mir, dass es nicht stimmt. Sag mir, dass es nicht an mir liegt, dass Du Deine Frau verlassen hast.“

„Es ist nicht Deine Schuld, wenn Du das meinst. Aber meine Frau und ich haben uns auseinander gelebt. Und das hängt dann natürlich schon mit meiner Flucht vor Dir zusammen. Und ich wäre Dir auch weiter so gut es geht, aus dem Weg gegangen, wenn Du nicht gesagt hättest, dass ich der Vater Deines Sohnes bin.“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Das war auch nicht nötig, ich habe es auch so verstanden. Komm, lass uns zurück ins Hotel gehen und dort weiter reden.“

Er nahm meinen Arm und wir gingen wie ein Liebespaar zum Hotel zurück. In meinem Kopf ratterten die Gedanken.

„Warum hast Du Dich nie gemeldet?“, frage ich ihn.

„Wie gesagt, ich wollte Dich vergessen.“

„Wenn Du mal in der Firma warst, in all den Jahren. Alle haben gesagt, sie hätten Dich gesehen, mit Dir geredet. Nur ich hab Dich nicht mal von der Ferne zu Gesicht bekommen …“

„Ja.“ Stefan antwortet kurz angebunden.

„… und Du hast unseren Weihnachtsrundbrief bekommen. Jahrelang. Nie kam auch nur eine Reaktion darauf.“

„Das tut mir leid, ich hätte darauf reagieren sollen.“

„Es war jedes Mal ein Bild von meinem Mann, meinem Sohn und mir dabei.“

„Das habe ich gesehen.“

„Es hat mich verletzt, dass Du mich so ignoriert hast.“

„Das tut mir leid, das wollte ich nicht.“

Eigentlich wollte ich schon wieder explodieren. Dauernd wollte er etwas nicht, tat es ihm leid. Aber ich schwieg. Schweigend erreichten wir das Hotel.

„Warte bitte einen Moment, bin gleich wieder da.“, bat Stefan.

Er ging an die Bar, redete mit dem Barkeeper und kam mit einer Flasche Wein in der Hand zurück.

„Ich bringe Dich noch zu Deinem Zimmer.“, eröffnete Stefan mir. „Wenn Du magst, können wir dann noch ein Versöhnungsschlückchen trinken.“

Hast du jemals eine Frau wirklich geliebt?

„Was willst Du damit sagen?“, fragt er.

„Nichts“, gibt sie zurück, „nur, dass es so Momente gibt, an die man sich noch gut erinnern kann, die man nie vergisst. Deshalb weiß ich es noch.“

„Wenn ich richtig rechne, dann war das 2001. Jeder weiß, dass 2001 9/11 war. DAS wäre plausibel, wenngleich 9/11 erst im September war. Dein Sohn ist aber erst im Folgejahr geboren worden. Wenn da eine Verbindung zu unserem Lehrgang besteht, dann kann das für mich nur eins bedeuten.“

„Und was?“

Sie war damals schon eine Ewigkeit verheiratet. Fast 10 Jahre. Und hatte noch kein Kind. War da nicht was? Hieß es nicht, dass sie keine Kinder bekommen könnte? Oder er?

„Es war damals sicherlich überraschend, dass Du schwanger wurdest.“

Autsch! War das jetzt zu direkt? Aber er brauchte Gewissheit.

„Ja, das stimmt, wir hatten den Kinderwunsch schon aufgegeben. Und?“

„Nun, genau das. Zehn Jahre klappt nichts und dann sind WIR nur einmal kurz zusammen, Du und ich, …, oder wie willst Du das erklären?“

„Da gibt es nicht viel zu erklären. Wir wurden untersucht. Der Grund, warum es nicht geklappt hat, lag eindeutig bei mir. Es gab sogar mehrere Gründe und am Ende war es auch deshalb eine Risikoschwangerschaft. Nach meiner Theorie sind dann aber zwei Dinge passiert, dass es doch noch geklappt hat.“

„Du hast mich getroffen und wir waren in Davos“, geht ihm spontan durch den Kopf.

„Wir haben unsere Ernährung konsequent auf Vollwertkost umgestellt und ich bekam von meiner Frauenärztin diese Hormonbehandlung gegen meine Regelbeschwerden.“, erläuterte sie. „Außerdem weiß ich nicht, was Dich das eigentlich angeht.“

„So ein esoterischer Blödsinn. Das geht mich sogar sehr viel an. Sag mir endlich die Wahrheit. Wenn ich der Vater bin, dann habe ich ein Recht darauf, das zu wissen.“, erwidert er ärgerlich.

„Und wenn es so wäre, was dann?“

„Dann wäre es an der Zeit, dass wir das auch legitimieren.“

„Mein Sohn hat einen Vater, der sich fünfzehn Jahre um ihn gekümmert hat. Er braucht keinen neuen Vater. Und ich bin glücklich mit diesem Vater verheiratet.“

„Und was ist mit der Liebe? Das klingt nach Zweckgemeinschaft.“

„Und mit Dir wäre es Liebe?“

„Ja“, antwortet er.
Und nach kurzem Zögern sprudelt das Geständnis aus ihm heraus: „Ja, mit mir wäre es Liebe. Mit mir ist es Liebe. Ich liebe Dich. Ich liebe Dich seit 16 Jahren. Ich habe versucht, dieser Liebe aus dem Weg zu gehen, habe mir neue Jobs gesucht und diese wieder aufgegeben, habe inzwischen sogar meine eigene Familie aufgegeben. Alles, weil ich nur Dich will.“

Doch sie ist unerreichbar. Bisher. Ein gemeinsames Kind ändert aber alles. Jetzt lohnt es sich wieder, zu kämpfen.

Stefan

Das kann doch nicht wahr sein!

Heute hatte ich wirklich ein Wechselbad der Gefühle hinter mir. Erst dieser anstrengende Sitzungsmarathon und dann auch noch Volker an der Backe. Eigentlich hatte ich Volker ganz anders eingeschätzt. Kompetent, freundlich, everyones darling. Genau der Richtige, um meine Nachfolge in der Leitung der Gruppe zu übernehmen.

Später wurden mir andere Dinge berichtet. Volker stellte sich als richtig fiese Gestalt heraus, jedenfalls für seine Mitarbeiter. Freundlich grinsend rammt er ihnen das Messer in den Rücken. Hätte ich das eher gewusst. Ja, was wäre dann eigentlich gewesen? Ich hätte trotzdem diesen neuen Job angenommen. Die haben es ja überlebt und eine Alternative gab es nicht wirklich. Alternativlos! Alternativlos? Hm, egal.

Jetzt knabbert Volker mir schon den ganzen Abend ein Ohr ab, raspelt Süßholz und nervt.

Ist das Schicksal? Träume ich? Kann das sein? Constanze hier im Hotel? Was macht die denn hier?

„Ach, ich habe Euch gar nicht gesehen. Was macht Ihr denn hier?“, lügt sie, ohne rot zu werden, als wir sie rufen. Sie sieht erschöpft aus.

Sie ist der wahre Grund, warum ich damals weggegangen bin. Nicht etwa der Wunsch, möglichst schnell Karriere zu machen. Damals, in Davos, hatte ich mich endgültig in sie verknallt. Nie konnte ich es ihr sagen, meine Liebe musste heimlich sein. Durch die Distanz wollte ich sie vergessen und meine Ehe retten.

Ja, meine Ehe. Deswegen bin ich zurückgekommen. Erst in eine andere Firma. Ich war viele Jahre dort im Top-Management. Deswegen war ich aber nach wie vor kaum zu Hause. Meine Frau stellte mir ein Ultimatum. Entweder sie oder die Firma.

Meine Tochter interessiert sich schon lange nicht mehr für mich und distanziert sich von mir. Mein Sohn macht auch so langsam Probleme. Ich bin eigentlich ein Familienmensch, habe aber keinen Draht zu meiner eigenen Familie. Nun will ich auf keinen Fall nicht auch noch meine Frau verlieren.

Dann diese Stellenausschreibung. Formell ein Abstieg, finanziell aber absolut ok. Und Abstieg bedeutet auch, mehr Zeit, mehr Zeit für die Familie.

Es ließ sich nicht vermeiden, dass ich Constanze begegnete. Nicht gleich am ersten Tag. Auch hatte ich den Eindruck, dass sie versuchte, mir aus dem Weg zu gehen. Ich rief sie mal an und wollte mit ihr Mittag essen gehen. Ich wollte wissen, wie es ihr geht. Sie hatte schon mit ihren Kollegen gegessen.

Aber ein paar Tage später klappte es. Ich drängte mich auf und ging mit den Leuten aus ihrer Abteilung. Sie saß zwar neben mir, unterhielt sich aber mit anderen. Ich auch. Sie wurde erst hellhörig, als ich erzählte, dass ich zum Tanzen gehe. Beim Kaffee stand sie dann plötzlich neben mir, sie war wie ausgewechselt, freundlich, sympathisch und fragte mich aus. Zum Thema Tanzen. Welche Tanzschule, wie oft, meine Lieblingstänze etc.

Zwei Wochen später erhielt ich eine Mail von ihr, weitergeleitet von Claudia. Die beiden wohnen in der gleichen Stadt und fahren gelegentlich zusammen. Es war eine Anfrage, ob ich nicht mit meiner Frau zu einem Tanzabend mitgehen wolle.

Allerdings hatte meine Frau mich kurz vorher rausgeschmissen. Wir leben jetzt getrennt. Zumindest vorübergehend. Das war aber die Gelegenheit, diese Information unauffällig an Constanze zu übermitteln, ohne großen Tratsch in der Firma hervorzurufen. Ich wusste, dass die beiden Mädels das nicht an die große Glocke hängen würden.

Claudia antwortete nur lakonisch, dass sie eine andere Tanzpartnerin für mich hätte, aber ich ging nicht darauf ein.

Constanze meldete sich nicht, ich hatte dann erst wieder dieser Tage mit ihr zu tun. Ich bat sie, ein 8D-Team zu moderieren. Mein Chef hatte das vorgeschlagen und das wäre die Gelegenheit, wieder enger mit ihr zusammen arbeiten zu können. Dummerweise hat sie kein entsprechendes Zertifikat und hat dementsprechend abgelehnt. Obwohl sie zweifellos eine gute Moderatorin wäre. Sie hat dann umgehend die Aufgabe abgearbeitet, um die ich sie gebeten hatte. Schnell und kompetent.

Und jetzt ist sie hier, im Hotel. Ganz allein. Dummerweise hängt Volker hier noch rum und Constanze macht nicht den Eindruck, als hätte sie Lust auf einen vergnüglichen Abend. Ich habe eine Idee.

Ich nehme ihr wortlos die Jacke ab und führe sie zur Tanzfläche. Etwas Smalltalk und das Eis wird brechen, die Müdigkeit wird verfliegen. So wie damals.

Sie zickt rum, ist wortkarg. Mag sie doch nicht tanzen?  „Komm, lass uns weiter tanzen“, belehrt sie mich eines Besseren.

Welch ein Glück, ich bin scheinbar nicht die Ursache ihrer Verstimmung. Wahrscheinlich war es Volker, der nun offenbar bezahlt und geht. Also noch ein Tänzchen, der Abend ist noch nicht verloren.

Ich nehme den Gesprächsfaden wieder auf.
Peng!
Was war das? Was will sie damit sagen? Sie weiß es, weil ihr Sohn 15 Jahre alt wird?
Ihr Sohn?

Er ist wieder da

Ich sah die beiden sofort, als ich zurück ins Hotel kam.

Eigentlich war der Abend so ähnlich verlaufen, wie der vorhergehende. Nach den Vorträgen des Tages sind wir zunächst zurück ins Hotel, um uns frisch zu machen. Und dann kam der gesellige Teil. Wieder, wie es in Bayern so üblich und wohl auch geschätzt ist, in einer urigen Kneipe mit rustikalem Essen und auch die Bedienung war rustikal.

„Alkoholfreie Getränke? Bier kannst kriegen, Mädel.“

Oder Tee. Nach einem Beuteltee mit lauwarmen Wasser war mir nun gerade nicht zum Schnitzel. Somit bestellte ich mir ein kleines Helles, einen halben Liter also. Da es unser letzter gemeinsamer Abend war, luden uns unsere asiatischen Kollegen zu einem Schnäpsel ein. Ablehnung wäre grob unhöflich, an der Grenze zur Beleidigung. Kurz, ich bekam einen ordentlichen Schwips.

Schon der Vorabend hatte mich geschlaucht, der Tag hat es nicht besser gemacht und dann auch noch der viele Alkohol. Ich bestellte mir einen Kaffee, um nicht an Ort und Stelle einzuschlafen. Sobald es mir die Höflichkeit ermöglichte, brach ich auf, um ins Hotel zurückzukehren. Dankbar folgten noch ein paar andere Spaßbremsen meinem Beispiel. Mir war’s egal, ich wollte nur noch ins Bett.

Und dann sah ich sie, Volker und Stefan, meine beiden Ex-Chefs.

Langjährige Leser meines Blogs erinnern sich vielleicht noch, dass ich unter Volker meinen Job als Gruppenleiterin aufgegeben habe. Für mich war das eine Befreiung, denn im Laufe der Zeit habe ich dann wiederholt festgestellt, dass mir die fachliche Arbeit dann doch mehr liegt. Mit Volker konnte ich auch nie wirklich gut zusammen arbeiten, er ist so ein typischer „Radfahrer“ im Job. Ich war froh, als ich ihn loswurde.

Stefan war sein Vorgänger. Hier war das Verhältnis in vielerlei Hinsicht ein anderes. Wir waren gemeinsam auf einer Hierarchie-Stufe, als ich in dem Betrieb anfing. Er wurde dann später mein Chef und beförderte mich zur Gruppenleiterin. Seinem weiteren Höhenflug konnte und wollte ich nicht folgen, zumal der dann die Firma verließ, um richtig durchzustarten.

Seit einiger Zeit ist er nun wieder bei uns. Wir haben uns ein paarmal gesehen, gegrüßt, aber nichts miteinander zu tun gehabt. Erst kürzlich im Januar hat er mich gebeten, eine Aufgabe zu übernehmen, wobei für mich nur wenig zu tun übrig blieb. Dennoch hatte er sich überschwänglich für die Hilfe bedankt.

An dem Abend im September wollte ich nur noch ins Bett. Ich richtete meinen Blick starr auf die Fahrstühle und hoffte, mich unerkannt vorbei stehlen zu können. Sie riefen mich.

„Ach, ich habe euch gar nicht gesehen. Was macht ihr denn hier?“
„Und selbst? Komm, trink doch noch mit uns ein Gläschen.“

Das sind ja alles Spesen, zahlt die Firma. Ich zögerte trotzdem, schwafelte was von müde und früh raus müssen. Stefan nahm mir meine Jacke ab, hängte sie an die Garderobe und führte mich dann zur „Tanzfläche“. Einige Hotels haben ja in der Lobby diesen Quadratmeter ohne Teppich, den sie als Tanzfläche deklarieren. Die Hintergrundmusik dudelte irgendeinen langsamen Walzer und ich tanzte plötzlich mit Stefan.

„Kannst du dich noch daran erinnern, als wir das letzte mal zusammen getanzt haben?“, fragte er mich.
„Was heißt das letzte mal, es war bisher das einzige Mal“, hörte ich mich sagen. Wie sollte ich das vergessen. Wir waren zusammen auf dieser Weiterbildung in der Schweiz, in Davos. Als es der Firma noch gut ging und solche Weiterbildungen möglich waren. Dort hatten wir uns, natürlich in naiver Unkenntnis der Gegebenheiten, auf eine Volksabstimmung mit anschließendem Essen und Tanz verirrt.

Der Walzer hörte auf, ein Slowfox begann.
„Komm, lass uns weiter tanzen“, bat ich, als ich merkte, dass Stefan zurück zu Volker wollte. Ich wollte das nicht und hoffte, dass der das Weite suchte.

„Es kommt mir vor, als wäre es gestern“, nahm Stefan das Gespräch wieder auf. Mir war nicht wirklich nach Small Talk, so dass ich antwortete: „Das war vor 16 Jahren.“
Fakten. So bin ich, kein Geschwätz, klare Fakten. Das schätzen die Leute an mir.
„Echt, so lange her schon? Bist du sicher?“
„Ganz sicher.“
„Wie die Zeit doch so vergeht? Ich hätte nicht gedacht, dass es so lange her ist.“
„Es ist so lange her. Ich weiß es, weil mein Sohn in diesem Jahr 15 Jahre alt wird.“

Fortsetzung folgt.
Vielleicht.

Sieben gute Gründe, die für den Eierbauern sprechen

Das stimmt so nicht. Mein Flow, mein Schreibfluss, ist nicht vorbei wie ich am Donnerstag noch behauptet habe. Tatsächlich ist aber meine langweilige Phase vorüber. Gestern bin ich gerade noch so an einer sehr umfangreichen Aufgabe vorbeigeschrammt. Ich sollte ein 8D-Team moderieren. Schön, wenn mir der Kollege, zu dem mir eine ganz spezielle Geschichte einfällt, die ich sicherlich auch schon mal publiziert hatte und wo ich eigentlich auch mal eine Fortsetzung schreiben wollte, den Titel hatte ich schon, aber mir fehlte dann die Zeit, aber, um den Faden wieder aufzugreifen, mir fehlte die formale Qualifikation. Wer blickt bei diesem Schachtelsatz noch durch? Trotzdem bin ich nicht ganz ohne Aufgabe entkommen, so dass mir gestern die Zeit weg gerannt ist.

Es ist ganz einfach. Ich kaufe meine Eier beim Bauern, bei uns nur kurz Eierbauer genannt. Es gibt mehrere Gründe dafür, wie ich schon in einem Kommentar bei Mosi geschrieben hatte, was mich zu diesem Beitrag inspiriert hat.

  1. Wo kann man schon so schön sortierte Eier kaufen? Braun und weiß, schön im Wechsel!
  2. Ich habe keinerlei Umweg. Jeden Tag fahre ich da vorbei auf dem Weg zur Arbeit.
  3. Natürlich schmecken die besser, obwohl ich noch keine Blindprobe gemacht habe.
  4. Sie sind relativ günstig, 20 Cent das Stück. Manchmal bekomme ich auch eine Packung mit kleinen Eiern von Junghühnern geschenkt.
  5. Ich habe immer mal die Gelegenheit zu einem Schwätzchen mit dem Bauern oder der Bäuerin. Sie sind mir ans Herz gewachsen, weshalb sie auch Ostern und Weihnachten eine kleine Aufmerksamkeit bekommen. Ostern manchmal nicht, weil ich wegen der üblichen Straßenbauarbeiten doch nicht vorbeikommen kann.
  6. Ich habe selbst auch schon kleine Geschenke (außer der kleinen Eier) bekommen: selbst gemachte Marmelade, selbst gepflücktes Obst etc.
  7. Ich werde die Raser, die hinter mir meist an der Stelle schon eine Schlange bilden, elegant los. An der nächsten Ampelkreuzung stehen die dann alle vor mir, was mir sympathischer ist, da so niemand in meinen Kofferraum kriechen kann.

Wenn das nicht gute Gründe sind?

Flow im Sinkflug

Die treuen und aufmerksamen Leserinnen und Leser meines Blogs haben es bemerkt und oft auch entsprechend ermutigend kommentiert: Ich hatte einen „Flow“, mir fielen etliche Beiträge ein, die ich hier veröffentlichen konnte. Doch so langsam spüre ich es, der Flow ist vorbei, over.

Die Ursache liegt vor allem darin, dass das hohe Maß an Langeweile, mit dem ich mich „zwischen den Jahren“ rum schlug, langsam vorbei ist. Ja, ich habe es geschafft und mir wieder einige Aufgaben aufgebürdet. Und auch in der Freizeit ist Schluss mit lustig, jetzt gehe ich wieder regelmäßig zum Sport. Mir tut auch schon alles weh, vom Training.

Da sind wir auch gleich beim Thema. Heute plagen mich mal wieder Kopfschmerzen. Das ist ganz besonders angenehm hier im Großraumbüro, wenn alle durcheinander schwatzen. Die Geräuschkulisse ist dann kaum erträglich. Ich habe schon die zweite Tablette geschluckt, ohne nennenswerte Wirkung.

Es wird Zeit, dass es Feierabend wird. Immerhin, heute ist nicht so ein Schneesturm wie gestern. Ich musste irgendwie immer an Mythodea von Vangelis denken, bei dem die Musik (die Bilder eher nicht) zu meinen Gefühlen gestern im Auto passten:

Teilweise war die Straße gar nicht mehr zu erkennen. Überhaupt, sah ich nur Schneewolken, die von links nach rechts über die Straßen wehten. So schlimm, dass der Abstandssensor sich verabschiedet und mir mitteilte, dass er nichts mehr erkennen könne. Ich solle doch bitte alleine gucken. Klasse! Wir sind noch weit weg, vom autonomen Fahren, wenn die Technik streikt, sobald es brenzlig wird.

Ansonsten fährt es sich in letzter Zeit eigentlich ganz gut. Offenbar benötigen viele Leute ihr Auto gar nicht, denn die Straßen sind derzeit vergleichsweise leer. Die variablen Geschwindigkeitsbegrenzungen auf der Autobahn sind sonst im Berufsverkehr immer auf „80“, aber seit einigen Tagen schon auf „120“, was ein deutliches Zeichen dafür ist, das relativ wenig Verkehr ist. Da frage ich mich doch, ob sonst die Leute wirklich auf das Auto angewiesen sind, oder nur aus Faulheit damit fahren und die Straßen verstopfen.

Aber genug gemeckert und geklagt. Jetzt muss ich wieder klotzen.