Stefan

Das kann doch nicht wahr sein!

Heute hatte ich wirklich ein Wechselbad der Gefühle hinter mir. Erst dieser anstrengende Sitzungsmarathon und dann auch noch Volker an der Backe. Eigentlich hatte ich Volker ganz anders eingeschätzt. Kompetent, freundlich, everyones darling. Genau der Richtige, um meine Nachfolge in der Leitung der Gruppe zu übernehmen.

Später wurden mir andere Dinge berichtet. Volker stellte sich als richtig fiese Gestalt heraus, jedenfalls für seine Mitarbeiter. Freundlich grinsend rammt er ihnen das Messer in den Rücken. Hätte ich das eher gewusst. Ja, was wäre dann eigentlich gewesen? Ich hätte trotzdem diesen neuen Job angenommen. Die haben es ja überlebt und eine Alternative gab es nicht wirklich. Alternativlos! Alternativlos? Hm, egal.

Jetzt knabbert Volker mir schon den ganzen Abend ein Ohr ab, raspelt Süßholz und nervt.

Ist das Schicksal? Träume ich? Kann das sein? Constanze hier im Hotel? Was macht die denn hier?

„Ach, ich habe Euch gar nicht gesehen. Was macht Ihr denn hier?“, lügt sie, ohne rot zu werden, als wir sie rufen. Sie sieht erschöpft aus.

Sie ist der wahre Grund, warum ich damals weggegangen bin. Nicht etwa der Wunsch, möglichst schnell Karriere zu machen. Damals, in Davos, hatte ich mich endgültig in sie verknallt. Nie konnte ich es ihr sagen, meine Liebe musste heimlich sein. Durch die Distanz wollte ich sie vergessen und meine Ehe retten.

Ja, meine Ehe. Deswegen bin ich zurückgekommen. Erst in eine andere Firma. Ich war viele Jahre dort im Top-Management. Deswegen war ich aber nach wie vor kaum zu Hause. Meine Frau stellte mir ein Ultimatum. Entweder sie oder die Firma.

Meine Tochter interessiert sich schon lange nicht mehr für mich und distanziert sich von mir. Mein Sohn macht auch so langsam Probleme. Ich bin eigentlich ein Familienmensch, habe aber keinen Draht zu meiner eigenen Familie. Nun will ich auf keinen Fall nicht auch noch meine Frau verlieren.

Dann diese Stellenausschreibung. Formell ein Abstieg, finanziell aber absolut ok. Und Abstieg bedeutet auch, mehr Zeit, mehr Zeit für die Familie.

Es ließ sich nicht vermeiden, dass ich Constanze begegnete. Nicht gleich am ersten Tag. Auch hatte ich den Eindruck, dass sie versuchte, mir aus dem Weg zu gehen. Ich rief sie mal an und wollte mit ihr Mittag essen gehen. Ich wollte wissen, wie es ihr geht. Sie hatte schon mit ihren Kollegen gegessen.

Aber ein paar Tage später klappte es. Ich drängte mich auf und ging mit den Leuten aus ihrer Abteilung. Sie saß zwar neben mir, unterhielt sich aber mit anderen. Ich auch. Sie wurde erst hellhörig, als ich erzählte, dass ich zum Tanzen gehe. Beim Kaffee stand sie dann plötzlich neben mir, sie war wie ausgewechselt, freundlich, sympathisch und fragte mich aus. Zum Thema Tanzen. Welche Tanzschule, wie oft, meine Lieblingstänze etc.

Zwei Wochen später erhielt ich eine Mail von ihr, weitergeleitet von Claudia. Die beiden wohnen in der gleichen Stadt und fahren gelegentlich zusammen. Es war eine Anfrage, ob ich nicht mit meiner Frau zu einem Tanzabend mitgehen wolle.

Allerdings hatte meine Frau mich kurz vorher rausgeschmissen. Wir leben jetzt getrennt. Zumindest vorübergehend. Das war aber die Gelegenheit, diese Information unauffällig an Constanze zu übermitteln, ohne großen Tratsch in der Firma hervorzurufen. Ich wusste, dass die beiden Mädels das nicht an die große Glocke hängen würden.

Claudia antwortete nur lakonisch, dass sie eine andere Tanzpartnerin für mich hätte, aber ich ging nicht darauf ein.

Constanze meldete sich nicht, ich hatte dann erst wieder dieser Tage mit ihr zu tun. Ich bat sie, ein 8D-Team zu moderieren. Mein Chef hatte das vorgeschlagen und das wäre die Gelegenheit, wieder enger mit ihr zusammen arbeiten zu können. Dummerweise hat sie kein entsprechendes Zertifikat und hat dementsprechend abgelehnt. Obwohl sie zweifellos eine gute Moderatorin wäre. Sie hat dann umgehend die Aufgabe abgearbeitet, um die ich sie gebeten hatte. Schnell und kompetent.

Und jetzt ist sie hier, im Hotel. Ganz allein. Dummerweise hängt Volker hier noch rum und Constanze macht nicht den Eindruck, als hätte sie Lust auf einen vergnüglichen Abend. Ich habe eine Idee.

Ich nehme ihr wortlos die Jacke ab und führe sie zur Tanzfläche. Etwas Smalltalk und das Eis wird brechen, die Müdigkeit wird verfliegen. So wie damals.

Sie zickt rum, ist wortkarg. Mag sie doch nicht tanzen?  „Komm, lass uns weiter tanzen“, belehrt sie mich eines Besseren.

Welch ein Glück, ich bin scheinbar nicht die Ursache ihrer Verstimmung. Wahrscheinlich war es Volker, der nun offenbar bezahlt und geht. Also noch ein Tänzchen, der Abend ist noch nicht verloren.

Ich nehme den Gesprächsfaden wieder auf.
Peng!
Was war das? Was will sie damit sagen? Sie weiß es, weil ihr Sohn 15 Jahre alt wird?
Ihr Sohn?

Er ist wieder da

Ich sah die beiden sofort, als ich zurück ins Hotel kam.

Eigentlich war der Abend so ähnlich verlaufen, wie der vorhergehende. Nach den Vorträgen des Tages sind wir zunächst zurück ins Hotel, um uns frisch zu machen. Und dann kam der gesellige Teil. Wieder, wie es in Bayern so üblich und wohl auch geschätzt ist, in einer urigen Kneipe mit rustikalem Essen und auch die Bedienung war rustikal.

„Alkoholfreie Getränke? Bier kannst kriegen, Mädel.“

Oder Tee. Nach einem Beuteltee mit lauwarmen Wasser war mir nun gerade nicht zum Schnitzel. Somit bestellte ich mir ein kleines Helles, einen halben Liter also. Da es unser letzter gemeinsamer Abend war, luden uns unsere asiatischen Kollegen zu einem Schnäpsel ein. Ablehnung wäre grob unhöflich, an der Grenze zur Beleidigung. Kurz, ich bekam einen ordentlichen Schwips.

Schon der Vorabend hatte mich geschlaucht, der Tag hat es nicht besser gemacht und dann auch noch der viele Alkohol. Ich bestellte mir einen Kaffee, um nicht an Ort und Stelle einzuschlafen. Sobald es mir die Höflichkeit ermöglichte, brach ich auf, um ins Hotel zurückzukehren. Dankbar folgten noch ein paar andere Spaßbremsen meinem Beispiel. Mir war’s egal, ich wollte nur noch ins Bett.

Und dann sah ich sie, Volker und Stefan, meine beiden Ex-Chefs.

Langjährige Leser meines Blogs erinnern sich vielleicht noch, dass ich unter Volker meinen Job als Gruppenleiterin aufgegeben habe. Für mich war das eine Befreiung, denn im Laufe der Zeit habe ich dann wiederholt festgestellt, dass mir die fachliche Arbeit dann doch mehr liegt. Mit Volker konnte ich auch nie wirklich gut zusammen arbeiten, er ist so ein typischer „Radfahrer“ im Job. Ich war froh, als ich ihn loswurde.

Stefan war sein Vorgänger. Hier war das Verhältnis in vielerlei Hinsicht ein anderes. Wir waren gemeinsam auf einer Hierarchie-Stufe, als ich in dem Betrieb anfing. Er wurde dann später mein Chef und beförderte mich zur Gruppenleiterin. Seinem weiteren Höhenflug konnte und wollte ich nicht folgen, zumal der dann die Firma verließ, um richtig durchzustarten.

Seit einiger Zeit ist er nun wieder bei uns. Wir haben uns ein paarmal gesehen, gegrüßt, aber nichts miteinander zu tun gehabt. Erst kürzlich im Januar hat er mich gebeten, eine Aufgabe zu übernehmen, wobei für mich nur wenig zu tun übrig blieb. Dennoch hatte er sich überschwänglich für die Hilfe bedankt.

An dem Abend im September wollte ich nur noch ins Bett. Ich richtete meinen Blick starr auf die Fahrstühle und hoffte, mich unerkannt vorbei stehlen zu können. Sie riefen mich.

„Ach, ich habe euch gar nicht gesehen. Was macht ihr denn hier?“
„Und selbst? Komm, trink doch noch mit uns ein Gläschen.“

Das sind ja alles Spesen, zahlt die Firma. Ich zögerte trotzdem, schwafelte was von müde und früh raus müssen. Stefan nahm mir meine Jacke ab, hängte sie an die Garderobe und führte mich dann zur „Tanzfläche“. Einige Hotels haben ja in der Lobby diesen Quadratmeter ohne Teppich, den sie als Tanzfläche deklarieren. Die Hintergrundmusik dudelte irgendeinen langsamen Walzer und ich tanzte plötzlich mit Stefan.

„Kannst du dich noch daran erinnern, als wir das letzte mal zusammen getanzt haben?“, fragte er mich.
„Was heißt das letzte mal, es war bisher das einzige Mal“, hörte ich mich sagen. Wie sollte ich das vergessen. Wir waren zusammen auf dieser Weiterbildung in der Schweiz, in Davos. Als es der Firma noch gut ging und solche Weiterbildungen möglich waren. Dort hatten wir uns, natürlich in naiver Unkenntnis der Gegebenheiten, auf eine Volksabstimmung mit anschließendem Essen und Tanz verirrt.

Der Walzer hörte auf, ein Slowfox begann.
„Komm, lass uns weiter tanzen“, bat ich, als ich merkte, dass Stefan zurück zu Volker wollte. Ich wollte das nicht und hoffte, dass der das Weite suchte.

„Es kommt mir vor, als wäre es gestern“, nahm Stefan das Gespräch wieder auf. Mir war nicht wirklich nach Small Talk, so dass ich antwortete: „Das war vor 16 Jahren.“
Fakten. So bin ich, kein Geschwätz, klare Fakten. Das schätzen die Leute an mir.
„Echt, so lange her schon? Bist du sicher?“
„Ganz sicher.“
„Wie die Zeit doch so vergeht? Ich hätte nicht gedacht, dass es so lange her ist.“
„Es ist so lange her. Ich weiß es, weil mein Sohn in diesem Jahr 15 Jahre alt wird.“

Fortsetzung folgt.
Vielleicht.

Verkalkung

Dass ich so schnell verkalke, hätte ich nicht gedacht. Bei meinem Mann, ok, aber bei mir? Am letzten Freitag offenbarte es sich wieder einmal deutlich. Wir waren tanzen, ein schöner Tanzabend im Ballsaal. Wir waren in fröhlicher Runde mit einigen Mitgliedern unseres Tanzkreises dort. Und natürlich haben wir getanzt.

Doch wie sich rausstellte, hatten wir beim Slow Fox die komplette neue Schrittfolge vergessen, ja, mir war gar nicht mehr bewusst, dass wir da was Neues hatten. Und schlimmer noch, im Cha-Cha-Cha, der ja nun wirklich einfach ist, haben wir das neue Figürchen auch nicht mehr hinbekommen. Wir haben es dauernd mit Disco-Fox verwechselt. Ok, am Schluss hatte mein Mann doch recht, es war richtig, aber ich war mir nicht sicher.

Dabei waren wir nur drei Wochen nicht im Tanzkreis. Alzheimer lässt wirklich grüßen.

Schön war’s trotzdem.

Der Eukalyptushain

Na, feiert Ihr alle schön? Genug von der nervenden Partymusik?

Es gibt wunderbare Musik, die bei uns leider nahezu unbekannt ist. Für alle, die langsam runter kommen und vielleicht auch ein bisschen schmusen möchten, habe ich hier so ein Juwel. Es ist ein langsamer Walzer.

Wir haben das Lied zum ersten Mal bei einem Tanzturnier gehört. Es lief mir einfach nur kalt den Rücken runter, ich war hin und weg und habe meinen Mann zum DJ geschickt, damit er heraus findet, was das war.

Hier eine Live-Version

Eistanzen

Es ist wahrscheinlich nur sehr langjährigen Lesern meines Blogs bekannt, dass ich sowohl Eiskunstlaufen als auch Tanzen mag. Und einer meiner Lieblingstänze ist der Tango. Die Gründe dafür habe ich beispielsweise hier mal dargelegt.

Das Eiskunstlaufen wird in Deutschland ja leider sehr stiefmütterlich behandelt, es finden kaum Übertragungen im Fernsehen statt. Deshalb verfolge ich die relevanten Wettkämpfe auch nur mit Zeitverzögerung und längst nicht so intensiv, wie es diese Sportart meines Erachtens nach eigentlich verdient hätte.

Eine, wie ich finde wunderschöne Kombination aus den beiden Sportarten Eiskunstlaufen und Tanzen mit Tango kann man in diesem Jahr wieder von einem kanadischen Paar bewundern. Schaut’s Euch doch einfach mal an:

Alles, was mit F anfängt …

… soll man(n) nicht verborgen. So lautet ein alter Spruch. Seinen Füller, sein Fahrrad, sein PFerd, seine Frau, … Man(n) beachte die Reihenfolge. Nun, die letzten beiden Dinge hat mein Sohn gar nicht, nicht einmal eine Freundin. Zumindest nach meinem Kenntnisstand. Das mag nichts bedeuten. Offiziell hat er jedenfalls keine. Obwohl es eigentlich gar nicht so schlecht wäre, wenn er schon eine hätte. Dann würde er wahrscheinlich nicht so kategorisch die Tanzstunde ablehnen. Da interessierte es auch nicht, dass die Mädchen seiner Klasse händeringend nach Partnern gesucht haben. Naja, mit 14 sind die Jungs wohl noch nicht so weit, sich für Mädchen zu interessieren. Schade ist es schon, schließlich entgeht uns Eltern dadurch der Abschlussball. Das geht auch anderen Eltern so. Unsere Freunde aus dem Tanzkreis haben erzählt, dass ihr Sohn mal eben alle vom Abi-Abschlussball abgemeldet hat. Ohne Rücksprache. So ein Mist.

Aber ich schweife ab. Gestern habe ich mir nun von meinem Sohn das Fahrrad geborgt. Eigentlich habe ich es mir einfach genommen, ohne ihn zu fragen. Das war aber aus einer Notsituation heraus. Hinterher habe ich es mir dann doch noch von ihm autorisieren lassen. Ihm ist es eigentlich egal, er fährt nicht so gern Rad. Eigentlich macht er um alles, was mit Sport zusammenhängt, einen großen Bogen. Oder nimmt nur zähneknirschend daran teil. So war zum Beispiel am vergangenen Wochenende wieder Nepallauf. In den letzten Jahren hatten wir daran auch teilgenommen. Dieses Jahr jedoch nicht, weil wir noch zum Tanzabend gegangen sind. Wir hatten befürchtet, dass wir zu müde wären, wenn wir vorher auch noch rennen. Aber unser Kind musste natürlich rennen, schließlich hat das seine Schule organisiert. Wir einigten uns darauf, dass es schön wäre, wenn er 20 Runden in dieser Stunde schafft. Er kam dann zurück, ohne einen Schweißtropfen, frisch und munter wie beim Losgehen. Leider funktionierte die automatische Rundenzählmaschine seiner Aussage nach nicht so richtig, aber er hat die 20 Runden gemeldet … ohne rot zu werden.

Der Tanzabend war sehr nett. Obwohl von unserem Tanzkreis nur ein Paar dabei war und dann noch eins von dem Tanzkreis nach uns. Oder gerade deshalb. Das Paar aus unserem Tanzkreis ist noch ziemlich neu und so haben wir uns nett unterhalten und dabei näher kennengelernt. Und wir haben viel getanzt.

Doch zurück zum Fahrrad. Zur Zeit ist ja recht schönes Wetter. Ideal zum Fahrradfahren. Letzte Woche kam ich nach Hause und fragte meinen Sohn, ob wir lieber Schwimmen oder Radeln wollen. Schließlich braucht er Bewegung, kommt von sich nicht auf die Idee, mal raus zu gehen und Sport ist auch nur einmal in der Woche und fällt auch oft genug aus. Radeln war offenbar das kleinere Übel. Quer durch den Wald, ins Nachbardorf. Und dort, oh Schreck, hat Mama hinten einen Platten. Sch…öne Schokolade. Etwas Restluft war noch drauf und wir fuhren dann auf der zum Glück relativ ruhigen Nebenstraße zurück. Jedenfalls so lange, bis alle Luft raus war, aus dem Reifen. Natürlich hatten wir keine Luftpumpe geschweige denn Flickzeug dabei. Schließlich musste ich schieben. Es war zum Glück nicht allzu weit, aber eine gewisse Zeit dauert es dann doch. Ich schickte also meinen Sohn schon vor, damit er zu Hause Bescheid geben konnte, dass ich später komme. Da die Luft aus dem Schlauch raus war, löste sich der Mantel, der Schlauch verwurschtelte und schließlich quoll er zwischen Mantel und Felge heraus und blockierte auch noch das Rad. Jetzt hatte ich die Wahl, das Hinterrad anzuheben und nur auf dem „gesunden“ Vorderrad zu schieben. Doch das halte ich so ein paar Schritte durch, dann wird es zu schwer. Oder ich schiebe mit blockiertem Hinterrad, was dem Mantel nicht gut tut und ebenfalls sehr anstrengend ist. Warum nur habe ich meinen Sohn weg geschickt? Wir hätten uns wenigstens abwechseln können.

Dieses Erlebnis erlaubte es immerhin meinem Mann, unserem Sohn das Wechseln eines Fahrradschlauches beizubringen. Mit 14 kann diese Fähigkeit nichts schaden. Die Operation gelang. Zumindest im Rahmen dessen, was man von eher theoretisch veranlagten Männern erwarten konnte. Denn als ich gestern nachmittag erneut das schöne Wetter für eine Fahrradrunde nutzen wollte, begrüßte mich mein Fahrrad wieder mit einem Platten auf dem Hinterrad. Zum Glück hatte ich meinen Sohn nicht gezwungen, mitzukommen. Ich hatte ihn vor die Wahl gestellt, ob er mitkommen möchte oder nicht. Er hatte vorher einen Termin bei der Kieferorthopädin. Zumindest war das unser Stand. Als er dort war, hatten die das nicht in ihrem Computer, doch er hat da mal clever reagiert und gefragt, wann der Termin denn sonnst sein soll. Das konnten sie auch nicht sagen und so kam er doch dran. Zum Glück, denn es wäre zu ärgerlich gewesen, wenn er die Schule verpasst, noch dazu, wo die gerade eine Physikarbeit geschrieben haben, und dann vielleicht gar nicht dran kommt. Immerhin liegt ihm Physik und sie haben dann ja keinen neuen Stoff gehabt, den er verpassen konnte. Nun müssen wir nur mal sehen, was mit der verpassten Arbeit wird.

Jetzt hat er, wie fast alle Kinder, eine Zahnspange. Und wenn Männer beim Arzt waren, muss frau Mitleid mit ihnen haben und sie schonen. Deshalb hatte er von mir eine „Sportbefreiung“ bekommen, wenn er möchte. Ich stand also im Keller vor meinem plattenaffinen Fahrrad. Schnell pumpte ich den Reifen halb auf, schwang mich auf Radl und raste zum Händler. Eine Minute vor Ladenschluss schaffte ich es noch und nun bekommt mein geliebtes Rad eine professionelle Reparatur. Nicht nur das. Ich greife tief in die Tasche und gönne meinem Rad einen unkaputtbaren Reifen. Mal sehen, wie lange der hält.

Da das Wetter aber immer noch schön war und ich noch keine Lust hatte, wieder nach Hause zu gehen, schnappte ich mir einfach das Rad meines Sohnes und fuhr wenigstens noch eine kleine Runde. Und was soll ich sagen? Ich glaube, die haben das Fahrrad neu erfunden. Äußerlich ist es meinem Rad sehr ähnlich, es hat ein paar mehr Gänge, hat einen Nabendynamo, Federung, bessere Bremsen … es fuhr sich viel besser als meins. Viel leichtgängiger und bequemer, die Schaltung funktioniert exakt, die Bremsen bremsen prompt. Mit so einem Fahrrad würde mir sicherlich nicht so schnell der Hintern weh tun, wie neulich. Im Gegenteil, vermutlich könnte ich locker die 40 km bis auf Arbeit fahren, das auf und ab der Berge würde mich kaum stören. Und vielleicht wäre ich zur Zeit sogar schneller, als mit dem Auto. Durch die vielen Baustellen, derzeit sind es vier oder fünf, brauche ich ewig. Ich weiß auch nicht, wieso die eine neue Baustelle anfangen, bevor die alte abgeschlossen ist. Und die ganzen Nebenstraßen der Umleitungsstrecken sind gar nicht für die 40-Tonner ausgelegt, die da jetzt lang donnern, machen die Straßen und Nerven der Anwohner kaputt und stören deren idyllische Ruhe.

Zurück zum Traumrad meines Sohnes. Es ist toll, obwohl es ein normales Fahrrad ist, kein e-Bike. So macht Radfahren Spaß. Vielleicht sollte ich mir auch ein neues Rad kaufen. Aber jetzt, wo meins einen teuren Reifen bekommt? Nein! Ich mag mein altes Rad einfach, obwohl es im Gegensatz zu meinem Auto gar keinen Namen hat. Wie sollte ich es nennen? Doch nach über zwanzig Jahren muss ich damit auch nicht mehr anfangen. Ich habe das Rad meines Sohnes dann wieder unbeschadet und voller Neid wieder in den Keller gestellt, glücklich, dass ich doch noch ein kleines Ründchen fahren konnte.